17.04.12
hy meine Lieben
Heute Nacht war es dermassen heiss, dass ich kaum schlafen konnte und dementsprechend früh auf den Beinen war. Dies obwohl der Ventilator in meinem Zimmer sich ununterbrochen im Kreis drehte. Die Schule habe ich heute auf anhieb gefunden, worauf ich ein bisschen stolz bin :). Ich sass als erste im Klassenzimmer, obwohl der Unterricht zwei Minuten später hätte beginnen sollen. Langsam trudelten die anderen Schüler herein. William war als erster da und begann mich auszufragen. Wir haben eine tolle Klasse und sind nur neun Schüler, was das lernen erleichtert. Meine Lehrerin heisst Niko, und trägt ihre langen schwarzen Haare immer zusammen. Sie ist robust, hat ein schiefes Lächeln, ist eine ausserordentlich nette und witzige Person. Der Unterricht besteht eigentlich hauptsächlich darin, miteinander über bestimmte Dinge zu diskutieren. Ziemlich gemütlich das Ganze. Wie ich heute gesehen habe, muss ich Freitags jeweils nicht zur Schule, also werde ich von Montag bis Donnerstag von jeweils 9:30 Uhr bis 13:30 da sein. "We got a new classmember," schrie Niko geradezu in die Runde und zwinkerte mir zu. Kurz danach stellte ich mich vor, obwohl ich das eigentlich schon vor jedem einzelnen getan hatte. Als hätten sie noch nie einen Schweizer gesehen, starrte mich die ganze Runde an. Wir sitzen jeweils alle an einem Tisch, damit sich keiner verstecken kann und alle sprechen müssen. Da gibt es also William, der eigentlich gar nicht William heisst aber in Amerika so genannt wird. Er ist aus Südkorea und hat irgend ein Geschäft hier. Er ist gross und etwas pummelig, trägt eine Brille und hat seine schwarzen Haare zu einer sauberen Scheitel gekämmt. Sein Englisch klingt sehr chinesisch, dies obwohl er seit 10 Monaten hier ist, aber irgendwie niedlich. Ein sehr lustiger und liebenswerter Mensch. Er lässt keine Sekunde aus, um mich irgendwie zu umschwärmen worauf die gesamte Klasse in lautem Gelächter ausbricht, selbst Niko findet das witzig. Naja, er macht dies auf eine lustige und nicht ernstzunehmende Weise :) Dann sitzt da April, nicht so mein Typ. Auch sie ist aus Südkorea und bei der Frage worauf wir bei einem Menschen als erstes achten, meinte sie auf die Figur. Sie hat ihre Schulsachen nie auf dem Pult, das einzige das vor ihr liegt und alle zwei Minuten in ihren Händen ist, ist ihr Spieglein. Neben ihr sitzt Livia, eine Brasilianerin. Livia ist sehr korrekt und eine angenehme Person, auch sie ist etwas pummelig. Dann komm ich und neben mir sitzt..oh habe seinen Namen vergessen. Er ist aus Bosnien, studierte und lebte aber in Australien. Er kommt immer um 09:45 Uhr zur Schule, eine Viertelstunde dürfen wir nämlich zu spät sein ohne davon Konsequenzen zu tragen :) Er ist sehr angenehm. Neben ihm sitzt eine absolute Powerfrau, sie hielt es für angebracht den heutigen Morgen zu verschlafen und erst später in den Unterricht zu kommen. Sie ist auch sehr füllig, trägt dennoch gerne sehr kurze Kleidung, ist sehr fair und lieb und sagt den Männern gerne wo's langgeht. Neben ihr sitzt eine Japanerin. Ich mag sie, sie ist sehr nett, aber ruhig. Dann kommt Céline, eine Französin. Sie ist ganz nett, aber ich kann es nicht ausstehen wenn sie Englisch spricht. Soooo französisch, das versteht keiner :D Dann kommt Andreas, ein typischer Deutscher, klein, laut, ganz nett and "he really likes drinking". Und dann kommt nochmals ein Südkoreaner. Der Englischunterricht ist wie gesagt sehr easy, auch die Übungen erfordern keine grosse Mühe, für mich ist das okay, genau richtig.
In der Pause planten meine Mitschüler den Ausgang für den Rest der Woche. Um mich zu kontaktieren, fügten sie mich auf Facebook hinzu. „What‘s your full name?“ fragte ich William nachdem er mich im Netz nicht finden konnte: „Try it with ,,my heart William,,“ meinte er und schon wieder brach der gesamte Tisch in lautem Gelächter aus. “Do you join us this evening, anja,“. Weil das bereits seit Stunden das Gesprächsthema war, wartete ich ab, bis ein anderer die Antwort gab. „Noo, fuck, she can‘t,“ meinte der eine Koreaner völlig entsetzt (dessen Name ich vergessen habe). Genau, ich kann nicht, ich bin gerade mal 19, in Amerika kommst du in diesem Alter in keinen Club und kannst auch keinen Alkohol trinken. Für die hier anwesenden alle ein Schock. Wieder blickte mich die ganze Runde an, als ich belanglos die Subwaykarte las. Ich brauchte nicht meinen Kopf zu heben um die Blicke zu sehen. Enttäuschung, Entsetzen, Mitleid und vor allem ein riesiges Fragezeichen. Scheinbar kann es sich hier keiner vorstellen, wie man die Zeit sonst vertreiben soll, oder warum man sonst nach New York kommt. :) Naja, für mich ist das nicht so schlimm, davon wusste ich erstens, zweitens bin ich nicht gerade eine, die regelmässig im Ausgang ist, obwohl das vielleicht schon seinen Reiz hätte in New York. Und nicht zuletzt bin ich ja hier um zu tanzen. Als ich von der Toilette zurück war, diskutierten sie bereits wo sie eine Homeparty organisieren könnten, damit ich auch dabei sein kann. Sehr nett, dachte ich auch, aber ganz ehrlich verstehe ich ihr Entsetzen nicht genau.
Nach der Schule ging ich mit dem Subway zur 5th Avenue. Ich setzte mich in den Bryant Park und beobachtete New York. Besonders witzig fand ich diese amerikansche Polizisten in ihren Uniformen, sie standen ungefähr zu zehnt da und plauderten. Das machen sie überall in der Stadt :) Von Zeit zu Zeit hört man wieder eine Sirene vorbeiflitzen, meistens handelt es sich um einen Krankenwagen oder die Polizei ist unterwegs. Der Park ist einfach amazing!! Extrem gemütlich, schade dass ich alleine da war. Die anderen Schüler gehen nachmittags meistens auch noch zur Schule, so beispielsweise Cathy. Die 5th Avenue ist eine meega Shoppingmeile. Ich brauchte dringend ein Rucksack für meine Schulbücher und fand einen im Victoria‘s Secret :) ja ich weiss, aber ich habe wirklich Freude daran, ich habe ihn gesehen und musste ihn einfach haben. Dann schlenderte ich noch etwas weiter durch das Shoppingparadies. In die Tanzschule kann ich nämlich wieder erst morgen, da ich heute noch ein Formular ausfüllen musste, dass die Schule zuerst erhalten muss. Naja, obwohl ich mir sicher war, wo ich mich befand schwanden all die hohen Blocks plötzlich und ich stand auf einer eher unangenehmen Strasse. Es waren zwar noch einige Leute dort, aber irgendwie war das eine ziemlich arme Gegend. Ich entschied mich Richtung Central Park zu gehen und war mir sicher, dass das Times Square immernoch in der Nähe sein musste. Und tatsächlich nur gerade zwei Strassen weiter sieht man nichts mehr von der glamourösen Shoppingmeile. „I‘m lost, can you help me, I‘m from the Bronx and don‘t know where I am,“ fragte mich eine Frau verzweifelt. Haha, eh nein, ich wohne zwar in Manhatten but I‘m from Willisau dachte ich :) und fühlte mich etwas schlecht nicht helfen zu können, denn bisher halfen mir die New Yorker immer. Das ist echt erstaunlich wie freundlich hier alle sind. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Oft kriege ich nicht einmal die Chance meine Subwaykarte auszufalten, bevor jemand kommt und fragt, „can I help you?“ Das ist hier normal, aber für mich nicht selbstverständlich. Heute erlebte ich ein weiteres schönes Beispiel:
Eine ältere Frau mit einem pinken Strohhut setze sich in der Metro neben mich und sprach die Frau an, die auf der anderen Seite neben ihr sass. Sie mochte den Laden in diesem die andere Frau gerade was gekauft hatte. Die Frau antwortete freundlich und sie kamen ins Gespräch. Plötzlich entdeckte die ältere Frau den wunderschönen Blumenstrauss (der mir übrigens auch aufgefallen war), den die Frau vis-à-vis auf ihrem Schoss trug. Diese bemerkte das und schenkte der älteren Frau die Hälfte des Strausses. Diese freute sich sehr darüber, konnte sich kaum erholen und meinte: „Die schenke ich gleich meinem Nachbarn, sein Vater ist gestern gestorben.“ Dies nur als Beispiel wie spontan und freundlich die Leute hier zu einander sind. Und das erlebe ich wirklich ständig. Jeder hilft hier und das gibt einem Landei ziemlich Sicherheit.
Später ging ich nach Hause um zu essen und euch zu erzählen was ich so erlebt habe :) Gute Nacht, denke ihr seid alle im Bett
Küsschen
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